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Als Culanns Hund krank war

unknown

Serglige Con Culainn

German Translation

Edited by Rudolf Thurneysen

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Als Culanns Hund krank war

Jedes Jahr pflegten die Ulter drei Tage vor Samuin, am Samuin und drei Tage danach eine Festversammlung abzuhalten. So lange dauerte das jährliche Fest auf dem Murthemne-Feld, und so lang gab es nichts anderes als Spiele und Versammlungen, Essen und Trinken, Glanz und Pracht, und von hier nahmen die Samuin-Feiern in ganz Irland ihren Ausgang.

Einmal waren bereits alle Ulter zu dem jährlichen Fest versammelt, außer zweien, Conall Kernach und Fergus Roigs Sohn. “Laßt das Fest beginnen!” sagten die Ulter. – “Es darf nicht beginnen”, widersprach Culanns Hund, “wenn Conall und Fergus noch fehlen.” – Denn Fergus war sein Pflegevater und Conall Kernach sein Milchbruder. Da sprach Sencha: “Laßt uns einstweilen Schach spielen, und man soll uns Lieder singen, und die Gaukler sollen ihre Kunststücke vorführen.”

Während das geschah, ließ sich ein Schwarm Vögel vor ihnen auf dem See nieder. Da gelüstete es die Frauen nach diesen Vögeln, die hin und her flogen, und die schönsten in Irland waren. Und jede der Frauen meinte stolz, ihr Mann könne diese Vögel fangen.

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“Ich wünsche mir einen dieser Vögel auf jeder meiner Schultern”, sagte Ethne Atencathrech, die Frau Conchobars. “Das wünschen wir uns auch”, riefen die anderen Frauen. “Wenn sie für eine gefangen werden, dann wohl an erster Stelle für mich”, sagte nun Ethne Inguba, die Frau von Culanns Hund. “Was machen wir nun?” fragten die Frauen. “Ich will zu Culanns Hund gehen und ihn für euch bitten”, sagte da Leborcham, die Tochter von Oa und Adarc.

Und sie ging zu ihm und sprach: “Die Frauen möchten gern von dir die Vögel dort bekommen.” – Da zog er das Schwert gegen sie und rief: “Fällt den Weibern der Ulter nichts anderes ein, als uns heute auf Vogeljagd zu schicken?” “Dir kommt es wahrhaftig nicht zu, ihnen so zu zürnen”, erwiderte Leborcham, “bist du doch schuld an einem der drei Makel, die den Ulterfrauen anhaften, der Einäugigkeit.” – Denn jede Frau, die sich in Conall Kernach verliebte, wurde wie dieser bucklig; jede, die sich in Cuscrid den Stammler von Macha, Conchobars Sohn, verliebte, stammelte fortan; und verliebte sich eine in Culanns Hund, so erblindete eines ihrer Augen. Denn es war seine Art, wenn er böse wurde, das eine Auge zuzukneifen, daß kein Kranich in seinen Kopf hätte reichen können, das andere hingegen weit aufzureißen, daß es so groß wie ein Kessel wurde, in dem man ein Kalb kochen kann.

“Spann uns den Wagen an, Laeg!” befahl Culanns Hund. Laeg spannte an und Culanns Hund stieg ein. Er vollführte sein Vogeljagd-Cless, den Kreissprung durch die Luft, und versetzte dabei den Vögeln einen Schlag mit dem Schwert, daß sie mit den Füßen und den Flügeln am Wasser haftenblieben. Dann fingen die Männer  p.87 die Tiere und verteilten sie unter die Frauen. Jede erhielt zwei Vögel, nur Ethne Inguba nicht. Als er dann zu seiner Frau ging, fragte er sie: “Du bist böse?” “Nein”, erwiderte Ethne, “denn ich verteile sie ja unter ihnen. Du weißt wohl, es ist keine unter ihnen, die nicht in dich verliebt wäre, und die dir nicht auch ein bißchen gehörte. Aber ich – ich gehöre nur dir allein!” “So sei nicht böse”, sagte Culanns Hund. “Wenn wieder Vögel aufs Murthemne-Feld oder auf die Boyne kommen, sollst du die beiden schönsten haben.”

Es dauerte nicht lange, da sahen sie zwei Vögel auf dem See, die mit einer Kette aus Rotgold verbunden waren. Die Vögel sangen leise ein Lied, davon fiel die Menge in Schlaf. Culanns Hund aber ging auf sie zu. “Würdest du auf mich hören”, sagte Ethne, “so gingst du nicht zu ihnen. Denn hinter diesen Vögeln steckt irgendeine Macht. Du kannst mir andere Vögel fangen.” “Soll das heißen, daß du mir Vorwürfe machst?” rief Culanns Hund. “Leg einen Stein in die Schleuder, Laeg!”

Laeg nahm einen Stein und legte ihn in die Schlinge. Und Culanns Hund schoß nach den Vögeln, traf sie aber nicht. Er nahm einen anderen Stein, schoß abermals nach ihnen, jedoch traf er auch diesmal nicht. “Ich bin des Todes!” rief er. “Seitdem ich die Waffen erhalten habe, hab ich bis heute immer getroffen.” – Nun warf er seinen Croisech-Speer nach den Vögeln, der fuhr dem einen durchs Flügelgelenk, und beide verschwanden unterm Wasser.

Darauf ging Culanns Hund hin und legte sich mit dem Rücken auf einen flachen Stein. Verärgert schlief er schließlich ein. Da sah er zwei Frauen auf sich zu kommen, die eine in einem grünen Mantel, die andere in einem fünffachen Purpurmantel. Jene im grünen Mantel kam zu ihm, lachte ihn an und schlug ihn mit einem Pferdestachel. Dann näherte sich ihm die andere, lachte ihn an und schlug ihn ebenso. Und so trieben sie es  p.88 lange Zeit – eine um die andere ging hin zu ihm und schlug ihn, bis er dem Tode nahe war. Dann verschwanden sie.

Die Ulter bemerkten seinen Zustand und sagten, man solle ihn wecken. “Nein”, widersprach Fergus, “rührt ihn nicht an! Er träumt.” Dann erhob Culanns Hund sich im Schlaf. “Was ist dir geschehen?” fragten die Ulter. Er vermochte aber nicht zu sprechen. Man trug ihn weg, und ein Jahr lang lag er da, ohne mit irgend jemand zu sprechen.

Nach Verlauf eines Jahres, am Tage vor Samuin, als die Ulter um ihn im Hause versammelt waren, kam ein Mann herein und setzte sich auf die Vorderseite des Lagers, auf dem Culanns Hund lag. “Was willst du?” fragte Conall Kernach. “Wäre dieser Mann gesund, so würde er mich vor allen Ultern schützen. Jetzt, da er schwach und krank daliegt, wird er mir ein um so kräftigerer Schutz vor ihnen sein. Mit ihm zu reden, bin ich gekommen.” “Sei gegrüßt! Fürchte nichts!” sagten die Ulter.

Da stand er auf und begann zu singen:

  1. O Culanns Hund! Wie jammervoll,
    so lange krank zu sein!
    Wohl heilten dich, wärn sie bei dir,
    Aed-Abrats schöne Töchter.
  2. Denn Liban sprach – im Feld von Cruach
    an der Seite Labrids sitzt sie –,
    es wäre der Herzenswunsch von Fann,
    an deiner Seite zu schlafen.
  3. Erlebte doch mein Land den Tag,
    da Culanns Hund es besuchte!
    Er fände Silber hier und Gold,
    viel Wein gäb es zu trinken.
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  5. Oh, wärest du schon jetzt mein Freund,
    Sualdims Sohn, Hund Culanns,
    was du im Schlaf gesehen hast,
    bekämst du ohne Kampf.
  6. Im Süden in der Nacht von Samuin
    auf dem Murthemne-Feld,
    da triffst du Liban, ich send sie hin
    zu heilen deine Krankheit.
“Wer bist du?” fragten sie. “Ich bin Aengus, Aed-Abrats Sohn”, antwortete er und verschwand. Und sie wußten nicht, wohin er gegangen noch woher er gekommen war.

Nun setzte sich Culanns Hund auf und konnte wieder sprechen.

“Es ist höchste Zeit!” sagten die Ulter. “Erzähl uns, was passiert ist.” “Am vergangenen Samuin hab ich einen Traum gehabt.” Und er erzählte ihnen, was er geträumt hatte. “Was soll ich nun machen, Conchobar?” “Was du tun sollst?” erwiderte dieser. “Mach dich auf und geh zu jenem Stein.”

Da ging Culanns Hund hin, und er sah die Frau im grünen Mantel auf sich zukommen. “Das ist schön, Hund Culanns”, sagte sie. “Ich finde es nicht schön. Was bezwecktet ihr mit eurem Besuch vor einem Jahr?” erwiderte Culanns Hund. “Wir waren nicht gekommen, um euch zu schaden, sondern deine Freundschaft zu erbitten. Jetzt bin ich von Fann, der Tochter Aed-Abrats, geschickt, um mit dir zu reden. Sie hat Manannan Lers Sohn verlassen und ihre Liebe dir geschenkt. Und ich bin Liban. Mein Mann, Labrid Schnell-Hand-am-Schwert, läßt dir ausrichten, er wolle dir das Mädchen überlassen, wenn du  p.90 nur einen Tag an seiner Seite gegen Senach Siaborthe, Eochid Iuil und Eogan Inbir kämpfst.” “Ich fühle mich heute nicht kräftig genug, um mich mit Männern zu schlagen.” “Es wird nur eine Stunde dauern”, sagte Liban, “dann wirst du gesund sein und deine alte Kraft zurückerhalten. Erweise Labrid den Gefallen, denn er ist der beste Krieger der Welt.” “Wo ist er?” fragte Culanns Hund. “Er ist in Mag Mell. – Doch ich muß jetzt weiter.” “Laeg soll mit dir gehen und das Land erkunden, aus dem du gekommen bist.” “Ich habe nichts dagegen!” entgegnete Liban.

So gingen sie zusammen in jene Gegend, wo Fann weilte. Unterwegs wandte sich Liban an Laeg und faßte ihn an der Schulter. “Heute entkommst du nicht lebend”, sagte sie, “wenn nicht eine Frau dich schützt.” “Ha, an Weiberschutz waren wir bislang nicht gerade gewöhnt”, erwiderte Laeg. “Sehr schade, daß jetzt nicht Culanns Hund an deiner Seite ist!” sagte Liban. “Auch mir wär's recht, wäre er an meiner Stelle”, entgegnete Laeg.

Sie gingen weiter und befanden sich bald gegenüber einer Insel. Auf dem See vor ihnen lag ein kleines bronzenes Schiff. Sie stiegen ein, fuhren zu der Insel und gelangten schließlich zur Tür eines Hauses. Da sahen sie einen Mann auf sich zukommen, den fragte Liban:

  1. Wo ist Labrid Schnell-Hand-am-Schwert,
    der Erste der Siegerschar?
    Über seinem Wagen schwebt der Sieg,
    Speerspitzen färbt er rot!
Darauf antwortete der Mann:
  1. Wo Labrid ist, des Meeres Sohn?
    Schon versammelt man sich zur Schlacht! p.91
    Man zögert nicht, und Angst setzt ein,
    wenn Fidgas Feld sich füllt!

Dann gingen sie ins Haus, und darin standen dreimal fünfzig Liegestätten, auf denen dreimal fünfzig Frauen lagen. Alle begrüßten Laeg und sprachen: “Wir heißen dich willkommen, Laeg, um jener willen, die bei dir ist, und dann um deiner selbst willen!” “Was wirst du jetzt tun, Laeg?” fragte Liban. “Willst du einstweilen zu Fann gehen und mit ihr sprechen?” “Ja, ich will gehen, sobald ich weiß, wo sie ist.” “Sie hält sich in einem abseits gelegenen Gemach auf”, sagte Liban.

Sie gingen zu ihr, und Fann begrüßte sie auf die gleiche Weise. Fann war eine Tochter Aed-Abrats, das bedeutet Feuer der Augen. Und Fann ist der Name der Träne, die daraus rinnt. Sie verdankte ihn ihrer Reinheit und Schönheit, denn es gab sonst nichts auf der Welt, womit man sie hätte vergleichen können.

Indessen hörten sie das Gerassel von Labrids Wagen sich der Insel nähern, denn die Wagen der Side fahren auch übers Wasser. “Heute ist Labrid schlecht gelaunt”, sagte Liban. “Laß uns gehen und ihn ansprechen!” – Sie gingen hinaus und Liban begrüßte ihn:

  1. Willkommen, Labrid Schnell-Hand-am-Schwert!
    Erbe vieler Speere schwingender Ahnen!
    Schilde zerschlägt er! Lanzen zerbricht er!
    Leiber verwundet er! Edle erschlägt er!
    Männer mordet er, Scharen sucht er!
    Heere vernichtet er, Kleinodien streut er!
    Eine stürmende Rotte! Willkommen, Labrid!
Labrid antwortete nichts, und sie sang weiter:
  1. Willkommen, Labrid Schnell-Hand-am-Schwert! p.92
    Zur Gnade bereit! Für jeden ein Helfer!
    Nach Kampf begierig! Sein Leib voll Narben!
    Würdig sein Wort! Stark seine Kunst!
    Freundlich seine Herrschaft! Kühn seine Rechte!
    Rächend sein Zorn! Krieger besiegt er!
    Willkommen Labrid!

Da Labrid noch immer schwieg, sang sie noch ein weiteres Lied:

  1. Willkommen, Labrid Schnell-Hand-am-Schwert!
    Tapferer als Männer! Stolzer als Meere!
    Zornig vernichtet er! Schlachten schlägt er!
    Männer durchbohrt er! Schwache erhebt er!
    Starke erniedrigt er! Willkommen, Labrid!
“Du sprichst nicht gut, Frau”, erwiderte Labrid.
  1. Stolz heg ich keinen, noch Übermut,
    noch trübt mir Trügerisches den Verstand!
    Eine grausame Speerschlacht steht uns bevor,
    wo Fäuste furchtbare Schwerter schwingen,
    mit Eochid Iuils vereinten Stämmen.
    Stolz ist mir fern!

“Sei zuversichtlich”, entgegnete Liban. “Laeg, der Wagenlenker von Culanns Hund, ist hier. Er läßt dir sagen, er werde dir ein Heer zur Verfügung stellen.”

Da begrüßte ihn Labrid und sprach: “Ich heiße dich willkommen, Laeg, um der Frau willen, mit der du gekommen bist, und um dessen willen, der dich geschickt hat! – Geh jetzt heim, Laeg, Liban wird dir folgen.”

Laeg kehrte darauf zurück und berichtete Culanns Hund sowie allen anderen:  p.93

  1. Ein heiteres, schönes Land sah ich,
    wo nicht Betrug und Lüge herrschen,
    sah der Heere braunen König,
    Labrid Schnell-die-Hand-am-Schwert.
  2. Als das Luad-Feld ich durchkreuzte,
    zeigte sich mir der Siegesbaum.
    Dann weilt ich am Hügel-Felde
    beim zweiköpfigen Schlangenpaar.
  3. Als wir jenen Ort erreichten,
    wandte Liban sich zu mir:
    'Lieb wär mir das Wunder, hätt ich
    Culanns Hund an deiner Statt!'
  4. Schönheit – ein unblut'ger Sieg –
    ward zuteil Aed-Abrats Töchtern.
    Fanns Gestalt – o Glanz des Ruhms!
    Fürst und Fürstin stehn ihr nach.
  5. Wird dereinst, wie man mir sagt,
    des Mannes Same sündlos sein:
    Fanns Gestalt, wie ich sie sah,
    hat dort ihres Gleichen nicht.
  6. Tapfre Krieger auch erblickt' ich,
    die mit Waffen sich bekämpften.
    Farbige Gewänder sah ich –
    Bauernkleider waren's nicht!
  7. Frauen sah ich beim Gelage,
    sah die vielen Mädchen auch.
    Junge Männer sah ich streifen
    jagend durch Wald und Gebirg.
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  9. Um das Mädchen zu erfreuen,
    waren im Hause Musikanten;
    wär ich nicht so schnell enteilt,
    machten sie mich schwach und weich.
  10. Wohl sah einst ich auch den Hügel,
    wo die schöne Ethne stand;
    doch die Frau, die ich dir nenne,
    raubt den Menschen den Verstand!

“Geh dorthin, wo Emer, meine Frau, ist, Laeg!” sagte Culanns Hund, “und erzähle ihr, daß mich Side-Frauen besucht und krank gemacht haben. Sag ihr auch, daß es mir von Stunde zu Stunde besser geht. Sie soll mich besuchen kommen.”

Laeg ging zu Emer und berichtete ihr, wie es Culanns Hund ging. “Es ist bedauerlich, Bursche”, rief sie, “daß du, der du Zugang zum Sid hast, keine Heilung für deinen Herrn findest! Es ist eine Schande für die Ulter, daß sie ihn nicht zu retten versuchen! Wäre Conchobar verletzt oder verfiele Fergus in Schlaf oder hätte Conall Kernach Wunden, Culanns Hund würde helfen!” Und sie sang:

  1. Schäme dich, Sohn Riangabirs,
    der du oft das Sid besuchst,
    daß du Heilung nicht gebracht
    längst Dechtires Sohn!
  2. Fluch den Ultern, reich an Ehren,
    Pflegesohn und Pflegevater,
    daß sie nicht die Welt durchstreifen,
    Culanns Hund, den Freund zu retten!
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  4. Läge Fergus tief im Schlaf,
    könnt nur ein Druid ihn heilen,
    nimmer ruhte Culanns Hund,
    bis er den Druiden fände.
  5. Oder läge Conall da,
    voll von Wunden und von Narben,
    streifte Hund durch Wald und Feld,
    bis er einen Arzt ihm brächte.
  6. Streckten stolze Kämpfe nieder
    den siegreichen Laegire,
    Irlands Trift würd er durchsuchen,
    um zu heilen Connals Sohn.
  7. Wär's der listenreiche Keltchar,
    der in Schlaf verfiel und Siechtum,
    Tag und Nacht durch alle Side
    würde wandern Setanta.
  8. Läge Furbide der Führer
    auf dem langen Krankenlager,
    Hund durchstreifte alle Länder,
    bis er seine Rettung fände.
  9. Side-Truims Scharen sind dahin!
    Ihre Taten sind vergangen!
    Nicht mehr schlägt ihr Hund die Hunde,
    seit ihn Side-Schlaf befiel.
  10. Ach! Wie erfaßt mich bittrer Schmerz
    um den kranken Hund des Schmieds!
    Herz und Verstand mühn sich mir ab.
    Wird von mir ihm Heilung kommen?
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  12. Wehe! Trauer füllt mein Herz bei
    all der Not des Wagenfahrers,
    da er zum Murthemne-Feld
    nicht mehr kommt zur Zeit des Festes!
  13. Darum hält ihn Emin fest,
    weil ihn die Gestalt versehrte.
    Meine Stimme ist schwach und leer,
    da es ihm so schlecht nun geht!
  14. Monat, Vierteljahr und Jahr
    hat mich guter Schlaf gemieden.
    Menschenrede, frohes Wort
    hört ich nicht, Sohn Riangabirs!

Nun machte sich Emer auf zu Culanns Hund nach Emin und setzte sich zu ihm an sein Lager und sprach: “Schäme dich, wegen der Liebe einer Frau dich hinzulegen! Das lange Ruhen wird erst krank dich machen.” – Und sie sang:

  1. Steh auf vom Schlaf, du Ulterheld!
    Erwach gesund und froh!
    Sieh Machas König an, mein Freund!
    Dein Schlaf gefällt ihm nicht.
  2. Sieh seine Schulter, makellos.
    Das Trinkhorn voller Bier.
    Sieh, seine Wagen fahrn durchs Tal,
    ein Heldenschach ihr Lauf.
  3. Sieh seiner tapfern Krieger Mut,
    die Mädchen zart und fein.
    Sieh seine Fürsten, mächtig und stark,
    die Königinnen stolz.
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  5. Sieh, schon beginnt die Winterzeit,
    sieh ihre Wunder an!
    Es tut dir gut. O sieh! Wie kalt,
    wie lang, wie farbenleer!
  6. Zu langer Schlaf bringt Kummer, keine Freude;
    die Trägheit nimmt dir Kraft.
    Dem Satten nützt die Speise nicht.
    Schwachheit ist des Todes Schwester.
  7. Wirf ab den Schlaf, den der Trunkene liebt!
    Entflamme deine Glut!
    Viele Sanftberedte lieben dich.
    Steh auf, du Ulterheld!

Da stand Culanns Hund auf, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und schüttelte seine Schwäche und Schwere ab. Dann machte er sich auf und ging bis zu der Einfriedung, die er suchte. Dort sah er Liban auf sich zu kommen. Und das Mädchen redete mit ihm und lud ihn schließlich ein nach dem Sid. “Wo ist Labrid?” fragte Culanns Hund. “Das kann ich dir sagen”, antwortete sie.

  1. Labrid wohnt am Strand des Meeres,
    wo die Frauen wandeln.
    Nicht ermüdet kommst du hin,
    suchst du Labrid auf, den Schnellen.
  2. Kühn seine Rechte! Hundert schlägt sie! –
    Klug wär, der es zusammenzählte! –
    Purpurfarbe – schönste Farbe! –
    So das Bild von Labrids Wangen.
  3. Ihm erbebt des Kampfes Wolfshaupt
    vor dem dünnen, roten Schwert. p.98
    Waffen wilder Scharen bricht er,
    zerschlägt der Krieger Schutz, den Schild.
  4. Wie das Auge glänzt die Haut ihm.
    Nicht verraten ist sein Freund.
    Würdigster der Sidemänner
    ist der Mann, der Tausend schlug.
  5. In das Land von Eochid Iuil
    drang der Tapferste der Helden.
    Hellen Zweigen gleicht sein Haar,
    vom Duft des Weines ist sein Atem.
  6. Er, der Männer Herrlichster,
    stürmt im Kampf in weite Fernen.
    Boot und Pferde üben Wettfahrt
    um des Labrids schöne Insel.
  7. Überm Meer vollbringt er Taten,
    Labrid Schnell-die-Hand-am-Schwert.
    Feigen Hunden gleicht er nicht;
    Vielen hütet er den Schlaf.
  8. Eine Kette aus rotem Gold
    dient als Zügel seiner Pferde.
    Säulen, silbern und aus Glas,
    stehn im Haus, in dem er wohnt.
“Die Einladung einer Frau veranlaßt mich nicht, zu ihm hinzugehen”, erwiderte Culanns Hund. “So soll Laeg mitkommen und alles erkunden”, sagte das Mädchen. “Er mag gehen!”

Da brach Laeg mit dem Mädchen auf. Und sie kamen zu dem Luad-Feld und zum Siegesbaum und über den Festplatz von Emin zum Festplatz von Fidga. Dort  p.99 wohnte Aed-Abrat mit seinen Töchtern. Fann begrüßte Laeg und fragte ihn: “Warum ist Culanns Hund nicht mitgekommen?” “Es behagte ihm nicht, auf die Einladung einer Frau hin zu kommen. Er wollte erst in Erfahrung bringen, ob wirklich du nach ihm geschickt hast.” “Ich bin's gewesen. Er soll schnell zu uns kommen, denn heute wird die Schlacht geschlagen.”

Da kehrte Laeg zu Culanns Hund zurück, und Liban begleitete ihn.

“Wie war es, Laeg?” fragte Culanns Hund. Und Laeg antwortete: “Es ist höchste Zeit, daß du hingehst! Denn heute beginnt der Kampf.” Und er sang:

  1. Schnellen Schritts kam ich zum Hügel –
    wunderbar, obschon bekannt –,
    wo, von dichten Scharn umgeben,
    Labrid saß mit langem Haar.
  2. Auf dem Hügel fand ich ihn
    schwer umringt von tausend Waffen;
    blond sein wallend Haar, und golden
    war die Kugel, die es hielt.
  3. Er erkannte mich alsbald
    am fünffachen Purpurmantel.
    Und er sprach: 'Trittst du mit mir
    dort ins Haus zu Faelbe Finn?'
  4. Zwei der Könige wohnen dort,
    Labrid neben Faelbe Finn;
    dreimal fünfzig Mann um jeden,
    alle faßt das eine Haus.
  5. Fünfzig Betten hat's zur Rechten,
    fünfzig finden Platz darin. p.100
    Fünfzig Betten hat's zur Linken,
    fünfzig Vordersitze dran.
  6. Kupfern sind der Betten Pfosten,
    weiß die Säulen und vergoldet.
    Und als Kerze leuchtet ihnen
    ein strahlender Edelstein.
  7. Draußen, westlich vor der Tür,
    dort, wo die Sonne untergeht,
    weiden Pferde, bunt die Mähne,
    fahle, andere purpurbraun.
  8. Östlich stehn drei andre Bäume
    draußen, ganz aus Purpurglas;
    sanfter Vogelsang erklingt
    stets den Kindern von der Königsburg.
  9. Vor dem Hofe steht ein Baum:
    Wohlklang tönt aus seinen Ästen.
    Silbern steht er im Sonnenlicht,
    hell wie Gold glänzen seine Blätter.
  10. Dreimal zwanzig Bäume wiegen
    ihre Wipfel hin und her;
    jeder speist dreihundert Männer
    mit geschälter reicher Frucht.
  11. Eine Quelle birgt das Sid;
    bunte Mäntel, dreimal fünfzig;
    und die goldene Spange strahlt
    hell in jedes Mantels Ecke.
  12. Und ein Faß voll köstlichem Met
    wird den Männern ausgeschenkt; p.101
    ewig bleibt es, unvergänglich,
    stets gefüllt bis an den Rand.
  13. Doch ein Mädchen weilt im Haus,
    schönste aller Frauen Irlands;
    tritt heraus im vollen Haarschmuck,
    freundlich lächelnd, reich begabt.
  14. Und die Worte, die sie spricht,
    klingen schön und wunderbar.
    Jedem Manne bricht das Herz,
    Liebessehnen bringt ihn um!
  15. Dieses schöne Mädchen sprach:
    'Wer ist dieser fremde Mann?
    Bist du es, so komm näher,
    Bursche des Mannes von Murthemne!'
  16. Langsam, langsam trat ich vor –
    Angst ergriff mich ob der Ehre –,
    und sie fragte: 'Kommt er her,
    Dechtires berühmter Sohn?'
  17. Schade, daß nicht längst er ging,
    da doch alle nach ihm fragen!
    Sehen würd er den Palast,
    so schön, wie ich ihn sah.
  18. Wär ganz Irland mein Besitz
    und das Reich der gelben Hügel,
    ich gäb's hin – ich prahle nicht –
    dürft ich bleiben, wo ich war!

Da ging Culanns Hund mit Liban in ihr Land, und er nahm auch seinen Wagen mit. Als sie die Insel erreichten,  p.102 begrüßte sie Labrid sowie alle anderen Frauen. Besonders aber Fann hieß ihn willkommen. “Was soll jetzt geschehen?” fragte Culanns Hund. “Das will ich dir sagen”, erwiderte Labrid. “Wir wollen einen Rundgang um das Heer machen.”

So gingen sie hinaus zu den Scharen der Feinde und betrachteten diese recht genau – die Menge kam ihnen endlos vor. “Geh jetzt”, sagte Culanns Hund zu Labrid. Da verließ ihn dieser, und er blieb allein in der Nähe des Heeres zurück. Aber zwei Zauberraben verrieten ihn, die ein Werk der Feinde waren. “Es wird wohl der Wutverzerrte aus Irland sein”, sprachen die Männer. “Das verkünden die Raben.” – Und sie machten Jagd auf ihn, so daß er sich zurückziehen mußte.

Früh am Morgen ging Eochid Iuil zur Quelle, um sich die Hände zu waschen. Culanns Hund sah durch die Kapuze seine Schulter, und er schleuderte seinen Speer nach ihm und durchbohrte ihn. Dann erschlug er allein dreiunddreißig weitere Feinde. Nun stürmte Senach Siaborthe ihm entgegen, und sie kämpften heftig, aber schließlich erschlug ihn Culanns Hund. Jetzt zog auch Labrid heran, und die Feinde begannen zu fliehen. Da bat Labrid Culanns Hund, mit dem Töten aufzuhören. Aber Laeg sagte: “Ich fürchte, der Mann wird seinen Zorn an uns auslassen, weil ihm der Kampf noch nicht genügte. Geht und stellt drei Fässer mit kaltem Wasser bereit, um seine Glut zu kühlen. Das erste Faß, in das er steigt, kocht über; auch die Hitze des zweiten kann noch keiner aushalten; das dritte erst wird mäßig warm.”

Als die Frauen dann Culanns Hund erblickten, sang Fann:

  1. Herrlich kommt der Held die Straße,
    ist er bartlos auch und jung!
    Schön und ruhmvoll ist die Fahrt
    abends über Fidgas Festplatz!
  2.  p.103
  3. Feenmusik singt nicht das Segel
    blutrot die Decke auf seinem Wagen,
    in den sausenden Gesang
    stimmen ein des Wagens Räder.
  4. Seine Pferde vor dem Wagen –
    laß mich kurz sie überschaun –
    Ihresgleichen fand ich nie!
    Schneller als der Frühlings wind!
  5. Fünfzig goldene Kugeln schweben
    über seinem Atem hin.
    Ihm vergleich ich keinen König,
    sei er feinsinnig oder derb.
  6. Und auf jeder seiner Wangen
    roter Schimmer gleich wie Blut,
    grüner Schimmer, blauer Schimmer,
    Purpurschimmer, leicht gefärbt.
  7. Siebenfach sein Augenlicht –
    leicht zu blenden ist er nicht!
    Und das stolze Aug umrahmen
    Wimpernbogen schwarz wie Pech.
  8. Auf dem Kopf des Trefflichen,
    den man rühmt an Irlands Grenzen,
    Haar von drei verschiednen Farben.
    Jung und bartlos ist der Mann.
  9. Rot sein Schwert vom wilden Kampf
    mit dem Knauf aus weißem Silber.
    Goldne Buckel hat sein Schild
    und der Rand aus Silberbronze.
  10.  p.104
  11. Über Männer schreitet er,
    wenn er Kampf und Schlacht durcheilt.
    Eurer Krieger Schar hat keinen,
    der dem Hunde Culanns gleicht!
  12. Seht, der Mann kommt grad daher,
    Culanns Hund aus Murthemne!
    Weit entgegen ziehn wir ihm,
    die Aed-Abrats Töchter heißen.

Dann begrüßte ihn Liban mit den Worten:

  1. Willkommen ist er, der Hund Culanns!
    Der verfolgende Eber! Der große Fürst vom Murthemne-Feld!
    Erhaben sein Sinn! Der Stolz aller Helden!
    Herz, Weisheit und Zorn des Kampfes!
    Immer bereit, gegen die Feinde der Ulter zu kämpfen!
    Schön wie Augenglanz ist er für die Fraun!
    Er ist willkommen!

Nun teilte Culanns Hund das Lager mit Fann und blieb einen Monat bei ihr, dann nahm er Abschied. Und sie sagte zu ihm: “Um dich, wenn du magst, zu treffen, werde ich keinen Weg scheuen.”

Und eines Tages trafen sich Culanns Hund und Fann bei der Eibe von Kenn-Trachta. Von dieser Begegnung erfuhr Emer, Culanns Frau. Da nahm sie einen Dolch und ging, begleitet von fünfzig Frauen, zum Ort des Treffens, um das Mädchen zu töten. Culanns Hund und Laeg bemerkten das Nahen der Frauen nicht, da sie gerade beim Schachspiel saßen. Fann aber sah sie und sagte zu Laeg: “Schau, Laeg, wer da kommt!” – “Wer ist's?” fragte Laeg und blickte auf. Da sprach das Mädchen:  p.105

  1. Schau rückwärts, Laeg!
    Schöne, kluge Frauen belauschen dich
    mit scharfen Dolchen in den rechten Händen
    und Gold auf ihren Brüsten.
    Schönheit, ähnlich wie wilde Krieger wird man
    über Schlachtwagen stürmen sehen.
    Klar ist's, Emer, Forgalls Tochter,
    hat ihren Sinn geändert.
Aber Culanns Hund sagte:
  1. Fürchte dich nicht! Sie soll uns nichts anhaben.
    In den mächtigen Wagen mit sonnigem Sitz
    steige ein, hier vor meinen Augen!
    Denn ich würde dich retten vor allen Frauen
    an Ulsters vier Grenzen.
    Mag Forgalls Tochter in der Mitte der Freundinnen
    zu kühner Tat bereit sein,
    sie wird sie wohl nicht wagen, bist du bei mir!
Und zu Emer sagte er:
  1. Ich weiche dir aus, Frau,
    wie jeder vorm Freunde weicht.
    Nicht tret ich entgegen
    dem harten Speer deiner zitternden Hand,
    deinem Dolch,
    deinem Zorn, der dem Zorn des Erliegenden gleicht.
    Gar schwierig scheint's mir,
    wollt eine Frau die Kraft mir rauben!
“So sag mir, Hund Culanns”, erwiderte Emer,
  1. Was bewog dich, mich zu entehren
    vor den vielen Frauen des Fünftels,
    vor den vielen Frauen Irlands,
    vor allen Leuten von Ehre? p.106
    Heimlich naht ich mich,
    deiner Freundschaft voll vertrauend.
    Denn so kampfesstolz du bist,
    gut wär's nicht für dich, mich zu verlassen,
    auch wenn du's versuchtest.
“Sag mir, Emer”, sprach Culanns Hund nun,
  1. Warum willst du mir nicht eine kurze Frist
    bei dieser Frau gewähren? Denn, schau:
    Aufrichtig, schön und zart,
    eines großen Königs wert,
    kommt das Mädchen vom Meere
    über die mächtigen Wogen daher;
    hat sie doch eine edle Gestalt, Haltung und Herkunft,
    ist geschickt in vielen Künsten,
    verständig, klug und ehrlich,
    hat Reichtum an Pferden und Rindern.
    Unterm Himmel gibt's nichts, das sie nicht vollbrächte,
    wünscht es der Freund,
    und müßte sie's hart erkaufen.
    Und, Emer, niemals findest du
    den Helden schön und narbenreich,
    den Sieger der Schlacht,
    der sich mit mir könnt vergleichen!

“Das Weib, dem du nachläufst”, erwiderte Emer, “ist nicht besser als ich. Aber freilich, alles Rote ist schön, alles Neue ist weiß, alles Gewohnte ist bitter, alles Fehlende ist herrlich, alles Bekannte läßt man liegen: Da hast du die ganze Weisheit! O Mann, wir lebten einst gut zusammen, und so könnt es wieder werden, wenn du nur wolltest.” Und sie war sehr traurig. “Bei meinem Wort”, rief er nun, “du bist mir lieb und wirst es bleiben, solang du lebst!”  p.107 “Also verläßt du mich?” fragte Fann. “Er wird wohl mich verlassen”, sagte Emer. “Nein”, erwiderte Fann, “mich wird er verlassen, trotz, daß ich einen weiten und gefährlichen Weg bis hierher hatte!” – Und sie begann zu trauern und zu klagen. Denn sie schämte sich, verlassen zu werden und jetzt schon heimkehren zu müssen. Auch peinigte sie ihre Liebe zu Culanns Hund. Und klagend sang sie:

  1. Ich muß jetzt wieder heimwärts ziehn,
    wo's mir doch so gut gefiel:
    mag ein andrer Ruhm erjagen,
    lieber weilt ich ruhig hier.
  2. Lieber wär's mir, hier zu rasten
    ohne Streit an deiner Seite
    als – dich wundert's? – heimzukehren
    ins Gemach von Aed-Abrat.
  3. Emer, sieh, du hast den Mann;
    mir, stolze Frau, entzog er sich!
    Kann die Hand ihn nicht erreichen,
    muß ihn doch mein Herz ersehnen.
  4. Mancher Mann hat mich umworben
    unterm Dach, auf freiem Feld:
    Niemals ließ ich mich verführen,
    ich war treu und hielt mein Wort.
  5. Schlimm die Frau, die ihre Liebe
    dem schenkt, der sie bald verschmäht!
    Besser wohl, sie geht von selbst,
    ehe er sie von sich weist.
  6.  p.108
  7. Fünfzig Frauen brachtest du,
    Emer mit dem blonden Haar,
    Fann fortzujagen, – schlimm die Tat! –
    sie zu quälen, sie zu töten.
  8. Dreimal fünfzig hab ich dort,
    schöne, unbemannte Fraun,
    in der Burg vereint; sie würden
    nie im Stich mich lassen! –

Nun erfuhr aber Manannan, daß Fann, Aed-Abrats Tochter, sich in ungleichem Kampf mit den Ulterfrauen befinde, und daß Culanns Hund im Begriff stehe, sie zu verlassen. Da kam er aus dem Osten und suchte das Mädchen auf, und er zeigte sich ihm, ohne daß jemand es merkte. Als Fann ihn erblickte, wurde sie sehr traurig und sang:

  1. Seht den kühnen Sohn des Ler
    aus den Ländern Eogan Inbirs,
    Manannan! Lange ist es her,
    daß er lieb und wert mir war.
  2. Heute, ich verschweig es nicht,
    liebt ihn nicht mein stolzer Sinn.
    Das ist ja der Liebe Lauf:
    Unbewacht irrt sie umher!
  3. Als der Sohn des Ler und ich
    in der Inber-Burg noch weilten,
    glaubten wir von Tag zu Tag,
    niemals würden wir uns trennen.
  4. Als mich Manannan nahm zur Frau,
    stand ich stets ihm treu zur Seite.
    Noch hab ich den goldnen Faustring,
    den als Zeichen ich erhielt.
  5.  p.109
  6. Über die Heide geleiteten mich
    fünfzig Mädchen, buntgekleidet;
    fünfzig Männer führt ich ihm
    außer fünfzig Frauen zu.
  7. viermal fünfzig – ohne Trug! –
    hatten wir als Hausgefährten,
    zweimal fünfzig frohe Männer,
    zweimal fünfzig schöne Fraun.
  8. Übers Meer seh ich ihn kommen –
    unsichtbar bleibt er den Narren –
    reitend durch das wilde Meer;
    große Schiffe braucht er nicht.
  9. Wie an uns vorbei du ziehst,
    nur ein Side kann das sehen.
    Du erkennst doch jede Schar,
    sei sie dir auch noch so fern.
  10. Aber mir war's so bestimmt –
    töricht bin ich wohl gewesen –
    der, den ich so sehr geliebt,
    hat mich nun in Not gebracht.
  11. Leb denn wohl, du schöner Hund!
    Ehrenvoll verlaß ich dich.
    Find ich das nicht, was ich wollte,
    bleibt mir doch das Recht der Flucht.
  12. Zeit wird es, daß ich nun gehe –
    auch wenn's furchtbar schwer mir fällt!
    Allzusehr ward ich beleidigt.
    Laeg, Sohn Riangabirs, sei gegrüßt!
  13.  p.110
  14. Ich geh nun zu meinem Manne,
    der mich niemals kränken wird.
    Sagt nicht, ich hätt mich davongestohlen;
    wenn ihr wollt, so schaut nur zu!
Als sie ihr Lied beendet hatte, ging sie zu Manannan. Der begrüßte sie und sagte: “Nun, Fann, willst du auf Culanns Hund warten, oder kommst du mit mir?” “Glaub mir”, entgegnete sie, “den einen von euch hätt ich lieber zum Mann als den anderen. Aber ich will mit dir gehen und nicht auf Culanns Hund warten, denn er hat mich verraten. Und noch etwas, Edler: dir fehlt eine würdige Fürstin, Culanns Hund jedoch nicht.”

Als aber Culanns Hund das Mädchen zu Manannan gehen sah, fragte er Laeg: “Was soll das heißen?” “Nun”, sagte Laeg, “Fann geht mit Manannan Lers Sohn davon, weil sie dir nicht gefallen hat.” Da machte Culanns Hund drei Sprünge in die Höhe und drei Sprünge in südliche Richtung auf Luachra zu und lebte lange Zeit ohne Essen und Trinken im Gebirge, und jede Nacht schlief er auf der Straße von Mittel-Luachra.

Emer aber ging zu Conchobar nach Emin und berichtete ihm, was passiert war. Da schickte Conchobar die Fili und die Männer der Kunst und die Druiden von Ulster zu ihm, sie sollten ihn festnehmen und nach Emin bringen. Culanns Hund versuchte zwar die Männer der Kunst zu töten, aber sie sangen ihm Zaubersprüche entgegen und hielten seine Füße und Hände fest, bis er wieder zu sich kam. Da bat er sie um einen Trunk. Die Druiden reichten ihm einen Vergessenstrank, und als er diesen getrunken hatte, vergaß er Fann und alles, was sonst noch passiert war. Auch Emer erhielt einen derartigen Trank, denn ihr Zustand war nicht viel besser. Und Manannan schüttelte seinen Mantel zwischen Culanns Hund und Fann aus, damit sie sich nie mehr begegnen könnten.

Document details

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Title statement

Title (uniform): Als Culanns Hund krank war

Title (original): Serglige Con Culainn

Title (supplementary): German Translation

Editor: Rudolf Thurneysen

Author: unknown

Responsibility statement

Translated by: Rudolf Thurneysen

Electronic edition compiled and proof-read by: Beatrix Färber and Sara Sponholz, Freie Universität Berlin

Funded by: School of History, University College, Cork

Edition statement

1. First draft.

Extent: 7080 words

Publication statement

Publisher: CELT: Corpus of Electronic Texts: a project of University College, Cork

Address: College Road, Cork, Ireland.—http:www.ucc.ie/celt

Date: 2011

Date: 2018

Distributor: CELT online at University College, Cork, Ireland.

CELT document ID: D301015

Availability: Available with prior consent of the CELT programme for purposes of academic research and teaching only.

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Manuscript sources

  1. Dublin, Royal Irish Academy, Lebor na hUidre (Book of the Dun Cow), fol. 43a–50b (Serglige Con Culainn agus óenét Emire). [The Facsimile is available on CELT as CELT file G301900.]
  2. Dublin, Trinity College Library, MS H. 4. 22, fol. X, 89–104. [Not used in this edition].

Editions

  1. Eugene O'Curry, The Sick-bed of Cuchulainn and the Only Jealousy of Eimer. Quoted from the Yellow Book of Slane in Leabhar na hUidre, p. 43. Atlantis 1 (1858) 362–369; 2 (1859) 98–124. Text from from the Yellow Book of Slane in Leabhar na hUidre, with facs. specimen of p. 43, and translation.
  2. Brian O'Looney, The Sick-bed of Cuchulainn and the Only Jealousy of Emer, In: John T. Gilbert, Facsimiles of the National manuscripts of Ireland, Pt. II, Appendix IV, London 1878. Text from Lebor na hUidre version with facsimile specimen of pp. 43, 44 and translation.
  3. Ernst Windisch, Serglige Conculaind, Cuchulainns Krankenlager und die einzige Eifersucht Emers, In: Irische Texte mit Wörterbuch, I, 197ff, Leipzig, 1880. Text from Lebor na hUidre version with variants of H. 4. 22, p. 89. [German].
  4. Richard Irvine Best and Osborn Joseph Bergin, Lebor na hUidre: Book of the Dun Cow, ll. 3220–4039, Dublin, 1929.
  5. Roland Mitchell Smith, On the Bríatharthecosc Conculaind, Zeitschrift für Celtische Philologie 15 (1924) 187–198. Text and translation.
  6. Myles Dillon, Serglige Con Culainn, Columbus, Ohio, 1941. Text from Lebor na hUidre version with a translation, notes, and a complete vocabulary.
  7. Myles Dillon, The Trinity College text of Serglige Con Culainn, Scottish Gaelic Studies 6 (1949) 139–175; 7 (1953) 88 [corrigenda]. Text from H. 4. 22 with some readings from Lebor na hUidre.
  8. Myles Dillon, Serglige Con Culainn, Dublin, 1953 (=Mediaeval and Modern Irish Series, vol. 14). Text based on Lebor na hUidre version with notes and vocabulary. [Available on CELT in file G301015.]

Translations

  1. See under Editions.
  2. Georges Dottin, Cuchulainn malade et alité [French], In: Henry d'Arbois de Jubanville, Littérature épique de l'Irlande, 170ff, Paris, 1892.
  3. Henry d'Arbois de Jubanville, Maladie de Cûchulain et unique jalosie d'Emer [French], in: Littérature épique de l'Irlande, Paris, 1892.
  4. Eleanor Hull (ed.), The Instruction of Cuchullin to a Prince, from the translations of Eugene O'Curry and D'Arbois de Jubanville, in: The Cuchullin Saga in Irish Literature. Being a collection of stories relating to the hero Cuchullin, translated from the Irish by various scholars, 229ff, London, 1898. [translation, notes, map]
  5. Rudolf Thurneyesen, Wie Culanns Hund krank lag [German], in: Sagen aus dem alten Irland, übersetzt von Rudolf Thurneysen, 81–108, Berlin, 1901. [Available on CELT].
  6. Arthur Herbert Leahy, The Sick-bed of Cuchulainn, In: Heroic Romances of Ireland, vol. I, 51ff, London, 1905. Translation into English prose and verse with special introductions and notes. (Reprinted with corrections in: Tom Peete Cross and Clark Harris Slover, Ancient Irish Tales, London, 1937).
  7. Roland Mitchell Smith, On the Bríatharthecosc Conculaind, Zeitschrift für Celtische Philologie 15 (1924) 187–98. Text and translation.
  8. Myles Dillon, Serglige Con Culainn, Columbus, Ohio, 1941. Text from Lebor na hUidre version with a translation, notes, and a complete vocabulary.
  9. Myles Dillon, The Wasting Sickness of Cú Chulainn, Scottish Gaelic Studies 7 (1953) (pt. 1 1951) 47–88. Translation of H. 4. 22 text with notes.
  10. Christian J. Guyonvarc'h, La Maladie de Cuchulainn et l'unique jalousie d'Emer [French], Ogam 10 (1958) 285–310. Translation based on: Myles Dillon, Serglige Con Culainn, Dublin, 1953, with notes.

Secondary literature

  1. Sir John Rhys, Lectures on the origin and growth of religion as illustrated by Celtic heathendom (Hibbert Lectures), London 1886, 458ff.
  2. Heinrich Zimmer, Keltische Studien [V. Ueber den compilatorischen charakter der irischen Sagentexte Lebor na hUidre 5. Serglige Conculaind], Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 28 (1887) 594–623.
  3. Alfred Nutt, The Celtic Doctrine of Re-birth (Grimm Library No. 6, Voyage of Bran, vol. II), London 1897, vol. I, 152ff.
  4. Rev. Paul Walsh, On a Passage in Serglige Conculaind, Zeitschrift für celtische Philologie 8 (1912) 555f.
  5. Richard Irvine Best, Notes on the script of Lebor na hUidre (7 plates), Ériu 6 (1912), 161–174.
  6. Rudolf Thurneysen, Die irische Helden- und Königsage bis zum siebzehnten Jahrhundert, Teil I, Halle (Saale) 1921, 413–426. [Manuscript transmission and versions.]
  7. Myles Dillon, On the text of Serglige Con Culainn, Éigse, 3 (1941) 120–29.
  8. Myles Dillon, On three passages in Lebor na hUidre, Speculum 15 (1940) 280–285. New translation of ll. 3517–33, 3856–77, 3537–8 with text.
  9. Kenneth Jackson, [Review], Speculum 20 (1945) 352–54.
  10. Gerard Murphy, [Review], Béaloideas 20 (1950) 192–94.
  11. Maura Carney, [Review], Éigse 7 (1953/55) Pt. 4, 281–85.
  12. Michael A. O'Brien, Two passages in Serglige Con Culainn, Celtica II (1954) 346–9.
  13. Howard Meroney, [Review], Journal of Celtic Studies 2 (1958) 243–6.
  14. Julius Pokorny, [Review], Zeitschrift für celtische Philologie 27 (1958/9) 319.
  15. Gerard Murphy (ed.), In: Early Irish lyrics: eighth to twelth century, Oxford, Clarendon, 1956: Rānacsa, rem rebrad rān, (42. Lóeg's description to Cú Chulainn of Labraid's home in Mag Mell), 106–11. Text from Lebor na hUidre version.
  16. Julius Pokorny, On a Passage in Serglige Con Culainn, Celtica 3 (1956) 309–10. (Miscellanea Celtica, no. 4.)
  17. Christian J. Guyonvarc'h, Irlandais Fand, nom propre, fand 'plume, oiseau', à; propos d'un jeu étymologique, Ogam 11 (1959) 440. (Notes d'étymologie et de lexicographie celtiques et gauloises (4), no. 13.)
  18. Vernum Hull, A precept in Serglige Con Culainn, Zeitschrift für celtische Philologie 28 (1960/61) 252–53.
  19. David Greene & Frank O'Connor (eds & trs.) Fég, a Loíg, dar th'éis! In: A golden treasury of Irish poetry, A.D. 600 to 1200. London [etc.] Macmillan 1967:130–133.
  20. Raymond Cormier, La lamentation de Fann et l'hypothése des sources celtiques de l'amour courtois, Le Moyen Age 75 (1969) 87–94.
  21. Trond Kruke Salberg, The question of the main interpolation of H into manuscript part of the Serglige Con Culainn in the Book of the Dun Cow and some related problems, Zeitschrift für celtische Philologie 45 (1992) 161–81.
  22. John Carey, The uses of tradition in Serglige Con Culainn, In: J. P. Mallory & G. Stockman (eds.), Ulidia, Proceedings of the First International Conference on the Ulster Cycle of Tales, Belfast (1994) 77–84.
  23. Tomás Ó Cathasaigh, Reflections on Compert Conchobuir and Serglige Con Culainn, In: J. P. Mallory & G. Stockman (eds.), Ulidia (1994) 85–90.
  24. John Carey, Eithne In Gubai, Éigse, 28 (1994–5) 160–4.
  25. Kaarina Hollo, Cú Chulainn and Síd Truim, Ériu 49 (1998) 13–22.

The edition used in the digital edition

Thurneysen, Rudolf (1987). Keltische Sagen aus dem alten Irland‍. Wiesbaden: VMA Verlag, , UNKNOWN = measure.

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Project description: CELT: Corpus of Electronic Texts

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Correction: Text has been checked and proofread twice.

Normalization: The electronic text represents the edited text.

Quotation: Direct speech is marked q.

Hyphenation: When a hyphenated word (hard or soft) crosses a page break, the break is marked after the completion of the hyphenated word.

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Interpretation: Personal names and place names have not been tagged. Poems and passages of rhetoric speech have been treated as embedded texts.

Profile description

Creation: Rudolf Thurneysen.

Date: 1901

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  • The text is in German. (de)

Keywords: saga; Ulster Cycle; prose; medieval; Cú Chulainn; translation

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