CELT document D810001-001

Friedrich Ludwig von Wachholtz in Cork

Friedrich Ludwig von Wachholtz

Edited by Carl Friedrich [=Friedrich Karl] von Vechelde

Friedrich Ludwig von Wachholtz in Cork

Friedrich Ludwig von Wachholtz in Cork

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[...] Schon oft hatten uns Gerüchte verkündet, daß wir bald Guernsey verlassen würden, als den 21. April  p.436 plötzlich eine Ordre erschien, durch welche der Infanterie befohlen ward, sich zur Einschiffung bereitzuhalten. Wohin unsere Fahrt gehen sollte, war nicht gesagt worden. Einige der Cameraden meinten nach Sicilien, andere, um eine Expedition nach der Ostsee zu unterstützen, noch andere nach Portugal zu Lord Wellingtons Armee. Die Nachricht weckte zwar in uns Freude, denn sehnlichst wünschten wir in Thätigkeit zu kommen; sie setzte uns zugleich aber in nicht geringe Verlegenheit, da wir theils durch die Anschaffung der neuen Bekleidung, theils auch durch die sich dargebotenen wohlfeilen Genüsse verleitet, uns alle in Schulden gesteckt hatten, welche vor dem Abgange bezahlt werden mußten. Und in England bezahlt nicht, wie der deutsche Soldat zu sagen pflegt, der Tambour. Kann der Officier seine Verpflichtungen nicht erfüllen, so klagt der Gläubiger; das Civilgericht beauftragt den Constabler, den Schuldner zu verhaften, und wenn dieser mit seinem Stäbchen in des Königs Namen Jemanden, selbst den Officier im Dienst, berührt, muß er gehorchen und folgen. Das Regiment nimmt von seiner Verhaftung keine Notiz, es führt ihn als absent without leave (ohne Urlaub abwesend) auf; findet er sich aber binnen Jahresfrist nicht wieder ein und rechtfertigt sich nicht, so wird er ohne weiteres; aus den  p.437 Listen gestrichen und als nicht mehr zum Regiment gehörig angesehen. Das wäre für uns ein übles Schicksal gewesen. Aber wir trösteten uns doch damit, daß bei der Einschiffung nach einer auswärtigen Station den Officieren ein bedeutendes Einschiffungsgeld (einem Capitain 42 Pfd. 10 Sh., einem Subalternen 8 Pfd. 10 Sh.), auch wohl der Gehalt für ein paar Monat vorgeschossen wird, welches erstere Geld, wie wir erfahren hatten, für uns angewiesen war und zur Auszahlung bereitlag. Mit demselben wollten wir uns aus unserer Verlegenheit helfen. Aber wie vom Schrecken waren wir gelähmt, als am 6. Mai eine andere Ordre erschien, welcher gemäß das Corps nicht getrennt, sondern die Infanterie und Cavallerie nach Irland nur übergeschifft werden sollte, um die letztere alldort beritten zu machen. Diese neue Bestimmung des Gouvernements zerstörte mit einem Male unsere Hoffnungen. Jetzt war, sprichwörtlich zu reden, Holland in großer Noth, denn von embarcation-money konnte nicht mehr die Rede sein. In dieser Noth gab es nur ein Auskunftsmittel, gemeinschaftlich eine solidarische Anleihe zu dem Betrage von 1600 Pfd. für das Regiment zu contrahieren. Dies gelang uns glücklicherweise durch Mitwirkung des Herzogs bei dem Bankier Bishop gegen monatliche Rückzahlung von 100 Pfd.,  p.438 wodurch wir denn aus unserer Noth befreiet waren. Aber es schmerzte uns sehr, die Aussicht auf einen Feldzug wieder verloren zu haben. Das Officiercorps beschloß deshalb eine Adresse an das Gouvernement zu richten, daß man uns bald in Thätigkeit setzen möge und versprach der uns so gewogene Gouverneur selbige zu unterstützen. Ich entwarf, von meinen Cameraden beauftragt, die nachstehende Petition an den Commandeur en Chef:

Sir!

Our prince, His Serene Highness the Duke of Brunswick, having been obliged by the urgency of the prevailing circumstances to leave the Continent with his Corps and to go over to England, where we were not only so happy as to find a generous and kind reception from the great English nation, but His Majesty was likewise graciously pleased to incorporate us with His gallant and brave army. All our hearts have deeply felt this benign condescension of His Majesty; and in order to prove our gratitude, it has hitherto been our only endeavour, to make ourselves, to the utmost of our power, fit for active service, to oppose the enemy, who has deprived us of our country and whose  p.439 only aim now is to put Britains invincible freedom into fetters. Some time ago we had the happiness to receive an order for foreign service; but a late counterorder clouded this honorable prospect. Being, as disciplined soldiers well acquainted with our duty, we willingly obey the order that changes our destination. This being however contrary to our most anxious hopes and fervent wishes, I take the liberty, in the name of the whole of the officers of the Brunswick infantry, most humbly to request your Excellency to be pleased to intercede in our behalf with His Majesty for our being speedily permitted to participate in the glory of the British arms, in order to prove our gratitude by sacrificing our lives, the only thing remaining dear to us etc.

Die Übersetzung lasse ich hier folgen:

Mein Herr!

Nachdem unser gnädigster Herr, Se. Herzogliche Durchlaucht, der Herzog von Braunschweig, durch den Drang der Umstände gezwungen worden, den Continent mit seinem Corps zu verlassen und sich nach England zu begeben, waren wir nicht nur so glücklich, mit Großmuth und Güte von der hochherzigen englischen Nation aufgenommen zu werden, sondern Se. Majestät  p.440 geruheten auch gnädigst uns Seiner braven und tapferen Armee einzuverleiben. Diese Vergünstigung Sr. Majestät haben unsere Herzen tief gefühlt und um unsere Dankbarkeit zu bezeigen, ist es bis jetzt unser innigstes Bestreben gewesen, uns mit allen Kräften für den activen Dienst tüchtig zu machen, damit wir gegen den Feind kämpfen, der uns unsers Vaterlandes beraubt hat, und dessen einziges Bestreben dahin gerichtet ist, Britanniens unbesiegbare Freiheit in Fesseln zu schlagen. Vor einiger Zeit hatten wir das Glück, einen Befehl zur Bereitschaft für den auswärtigen Dienst zu erhalten, aber ein späterer Gegenbefehl verfinsterte unsere ruhmvolle Aussicht. Als disciplinierte Soldaten mit unserer Pflicht wohl bekannt, unterwarfen wir uns gebührend dem Befehle, der unsere Bestimmung ändert. Doch steht dieser so sehr im Widerspruche mit unsern innigsten Hoffnungen und heißesten Wünschen, daß ich mir die Feiheit nehme, im Namen des ganzen Officiercorps des braunschweigischen Infanterieregiments, Ew. Exzellenz gehorsamst zu bitten, sich bei Sr. Majestät gewogentlichst dahin zu verwenden, daß es uns bald gestattet werde, an dem Ruhme der brittischen Waffen Theil zu nehmen, um unsere Dankbarkeit durch Aufopferung unsers Lebens — als des uns einzig noch werth gebliebenen Gutes — darzubringen.

 p.441

Der Commandeur meinte zwar, daß die Petition nicht so abgefaßt sei, als es ein Engländer gethan haben würde, doch herrsche eine so natürliche Sprache in derselben, daß er sie nicht ändern wolle, und so ward das Scriptum nach London abgeschickt.

Dem Gebrauche zu folge hielt der Gouverneur vor der Einschiffung noch eine Revüe über uns ab; Bekleidung und Bewaffnung des Corps waren jetzt zwar vollständig, doch die Haltung und das Exercitium der Infanterie ließen noch manches zu wünschen uebrig. Dagegen zeichnete sich die Cavallerie durch größere Präcision in ihren Bewegungen aus, welches sie Dörnbergs Bemuehungen nur allein verdankte.

Die Transportschiffe, welche uns aufzunehmen bestimmt waren, liefen zwar schon den 18. in den Hafen von St. Pierre ein; damit wir aber hier noch einmal den Gehalt — der hier jeden 24. jeden Monats war Zahltag — beziehen könnten, ließ uns der Gouverneur erst den 25. an Bord gehen. In der Nacht vom 26. zum 27. Mai segelten wir ab, das liebliche Guernsey, auf welchem wir fünf Monate verweilt hatten, für immer verlassend.

Das Regiment war auf die Transportschiffe, Robert, The Brothers, Titus und Trafalgar vertheilt, auf  p.442 welchen dasselbe hinlänglichen Raum fand. Wir würden die Fahrt schnell beendet haben, wenn nicht eins jener Schiffe ein schlechter Segler gewesen und so zurückgeblieben wäre, daß wir oft die Segel einziehen, abends gar beilegen und auf dasselbe warten mußten. In der Stille der Nacht glitten dann die vier Riesenmassen hinter unserm Commodore, der Brigg Port Mahon, welche mit ausgehangenen Laternen die Bahn vorzeichnete, auf den dunklen Meereswogen langsam dahin. Den 28. fuhren wir in weiter Entfernung den Scillyinseln vorbei. Am Morgen des 30. erblickten wir die Küsten Irlands, und schon Nachmittags liefen die Schiffe in den von zwei hohen Bergen eingeschlossenen engen Eingang des Hafens von Cork ein, welcher, von der Natur gebildet, einer der größten und tiefsten ist. Bei dem Flecken Cove Cork gingen wir vor Anker. So vielversprechend die pittoresken, reizenden Aussichten waren, die sich in steter Abwechselung vom Meere dem Auge darboten, so sehr wurden unsere Erwartungen herabgestimmt, als wir das Land betraten und in dem Flecken Cove neben einigen hübschen Häusern in schmutzigen Straßen einen Haufen von Lehmhütten fanden, deren hohläugige, abgerissene Bewohner mit Schweinen und Hühnern gemeinschaftlich in den unreinlichen Stuben lebten, Überraschungen,  p.442 die schmerzliche Erinnerungen an das eben erst verlassene Guernsey erweckten. Nachdem den 31. Morgens die Truppen ausgeschifft waren, traten sie noch an demselben Tage den Marsch nach der 21 englische Meilen entfernten Stadt Fermoy, ihrem Bestimmungsorte an. Der Weg dahin wurde bald sehr einförmig; eine staubige Chaussee zog sich zwischen kahlen Bergen, langen Torfmooren und öden Steppen hin, in welchen ärmliche mit Stroh bedeckte Lehmhütten ohne Fenster zerstreuet lagen; nur selten erfreuete uns der Anblick eines einladenden cottage oder gentleman-house mit seinem Parke. Die Ungewohnheit, der Staub und die Hitze, die Länge des Weges ließen den Marsch nur sehr langsam von Statten gehen, so daß das Regiment erst gegen 11 Uhr Abends in Fermoy anlangte. Die Stadt liegt in einem anmutigen Thale an dem ziemlich breiten Flusse Blackwater. Sie besteht eigentlich nur aus einer einzigen gutgebauten Straße, um welche eine Menge Hütten herliegen. Auf dem nördlichen Ufer des Flusses, über den eine schöne, wohl über 100 Schritt lange steinerne Brücke führt, liegen auf einer Höhe die großartigen, dreistöckigen kings-barracks, ein offenes Quarré bildend, dessen vierte Seite nach der Stadt zu, durch eine Mauer geschlossen ist. Da aber dieselben noch englische Truppen  p.444 inne hatten, so mußten wir uns vorläufig wieder mit temporary barracks, d. h. schlechten und unbequemen Häusern, welche in der Stadt lagen, begnügen. Die Gegend längs dem Flusse ist hübsch und bietet einige romantische Partien und Spaziergänge dar, aber man durfte es nicht wagen, die Nähe der Stadt zu verlassen und weitgelegene Orte zu besuchen, da das Übelwollen der Einwohner Vorsicht erheischte. Selbst in der Stadt konnte man nicht ohne Gefahr die kleinen Straßen im Dunkeln betreten, in denen, wenn man sie am Tage durchschritt, die Bewohner lauernd und drohend aus ihren ärmlichen Hütten hervorglotzten; ward die Post doch beinahe in der Stadt angefallen. Diese so ungünstige Stimmung der Iren gegen das Gouvernement und Militair bewog mich, auch mein Vorhaben, weitere Ausflüge in das Land zu machen, besonders den reizendsten und romantischsten See Großbritanniens, den Lough Killarney, mit seinen vielen kleinen Eilanden zu besuchen, aufzugeben. Eine kleine Reise jedoch machte ich in Begleitung des Oberstlieutenants Korfes, um dem Districtsgeneral Graham zu Cork einen Besuch abzustatten. Cork ist eine ansehnliche, größtentheils schön gebauete Stadt, die zweite im irischen Königreiche, welche an 100 000 Einwohner zählt. Auch hier erregten wir durch unsere  p.445 Kutkas, Bärte und Roßschweife das Staunen und den Humor von jung und alt; ein Schwarm von gaffendem Bettelvolk und schreienden Gassenjungen wich belästigend nicht von unseren Fersen. General Graham, Oberst Power, Major O'Brien zeigten sich uns äußerst zuvorkommend, ihre Bewirthung war vorzüglich. Ein anderer Ausflug war ein Ritt nach dem ungefähr 20 Meilen entfernten Mallow, woselbst der größere Theil unserer Cavallerie sein Standquartier hatte. Der Ort, welcher am Blackwater liegt, ist ein freundlicher, gutgebaueter Flecken, der eine berühmte Heilquelle besitzt, die besuchteste in Irland.

Das Regiment lag jetzt vollständig in eben so geräumigen als schönen kings-barracks, in welchen Zwei Subalternofficiere, imgleichen jeder Capitain ein großes Zimmer, ein Stabsofficier deren zwei bewohnten. Das Zusammenliegen daselbst mit englischen Truppen, das tägliche Exerciren neben denselben, veranlaßte den Oberstlieutenant Korfes, den Dienst mit vielem Eifer zu betreiben, um nicht zu sehr gegen sie zurückzustehen. Aber man vermißte in der Führung des Commandos eine hinlängliche Energie und Ausdauer; die Fortschritte, welche wir machten, waren nicht befriedigend,  p.446 und ungeachtet alles Antreibens des Brigadiers, Generals von Bock, im Üben des Dienstes, blieb die Ausbildung des Regiments nur unvollkommen. Die von jenem häufig angeordneten Paraden, Inspectionen und Revuen erwarben sich nicht immer den vollen Beifall des Generals. Leider zeigte sich die Mannschaft, obwohl sie geräumig und gut in den Baracken lag, auch sich ihre Verpflegung wohlfeil beschaffte, dennoch unzufrieden. Viele begingen so grobe Excesse, daß wir uns endlich nach langem Widerstreben genöthigt sahen, zu öffentlichen Stripsparaden unsere Zuflucht zu nehmen. Sogar Desertion fing an sich zu zeigen. Wohin jene Ausreißer in einem vom Meere ganz umgebenen, vom Continente damals völlig abgesperrten, ihnen in Sprache und Sitte fremden Lande sich begeben konnten, war beinahe unbegreiflich; wahrscheinlich gingen sie nach den Seehafen, um sich dort auf einem Schmuggelschiffe zu vermieten und von diesem bei günstiger Gelegenheit ihre Rückkehr nach Deutschland zu versuchen. Doch auch die englischen Regimenter litten in Irland viel durch Desertion; der Polizeianzeiger in Dublin (the Public Hugh and Cry) vom 8. September 1810 enthielt die Namen von 157 Soldaten, die vom Monat April bis August jenes Jahrs desertirt waren. Und es schien das Leben vieler  p.447 Officiere sich wieder so wie auf Wight und Guernsey zu gestalten. Duelle waren an der Tagesordnung; sie hatten jedoch immer nur mehr oder minder schwere Verwundungen zur Folge. Ich wohnte anfangs mit einem Theile dieser meiner Cameraden in einer Baracke; unsere Zimmer lagen längs eines Corridors, nach welchem hin die Thüren sich öffneten. Eine sonderbare Unterhaltung dieser Herren war, daß sie zuweilen des Abends bei einem Glase Wein in einem der größten Zimmer mit Pistolen nach einer Scheibe schossen, so daß die Kugeln durch die Tür über den Corridor flogen, und man daher nur mit einiger Vorsicht zu seinem Zimmer gelangen konnte. Da ich nicht gern an solchen Vergnügungen Theil nehmen mochte, so suchte ich bald eine andere Wohnung und trennte mich von der mir so wilden Welt. Die Nachsicht, welche Korfes zeigte, hatte aber auch auf die übrigen Dienstzweige keinen günstigen Einfluß. In den aufgestellten Listen, Eingaben, Berechnungen herrschte oft Verwirrung. Der Regimentsadjutant barg sein ganzes Büreau in einer alten, hölzernen Kiste ohne Deckel, die er, wenn er ein Papier suchte, umstürzte und unter der Masse von herauspolternden Dienstpapieren, Noten, Blumen, Spielkarten, Privatbriefen herumwühlte, und nicht selten vergebens suchte. Einst  p.448 vermaß er sich, da er glaubte, den Ort zu kennen, wohin die Deserteure ihren Weg nahmen, wann wieder einer fortginge, ihn gleich zurückzubringen. Als sich dieses bald darauf ereignete, setzte er sich zu Pferde und ritt im Galopp von dannen. Nach einigen Tagen kehrte er erschöpft, ohne den Entflohenen eingeholt zu haben, zurück. Derselbe ward bald nachher eingebracht; bei seinem Verhöre sagte er aus, daß er wirklich den Ort erreicht gehabt hätte, welcher von unserm Adjutanten als der Schlupfwinkel der Ausreißer bezeichnet worden war. Ersterer behauptete zwar, daß die Angabe unwahr sei, indem er den Weg dahin genau überwacht habe, auf welche Entgegnung der Deserteur erwiderte, daß es sich dennoch so verhalte, er habe ja vor der Tür des Wirthshauses gesessen, als der Herr Adjutant dort angekommen und abgestiegen sei, und ihm sogar das Pferd zum Halten gegeben. Dieses erwies sich auch bald. — Der Zahlmeister Frotté war ein guter Camerad und angenehmer Gesellschafter, aber höchst unordentlich und seinem allerdings weitläufigen und verwickelten Geschäfte nicht gewachsen. Er sprach das Französische gut, das Englische ziemlich, das Deutsche sehr schlecht. An die Stelle des Quartiermeisters O'Hehier kam ein junger Deutscher, Bayer, von der Insel Rügen gebürtig, welcher indes auch bald  p.449 von uns schied. Eine niederschlagende Nachricht theilte der Herzog uns von London in dieser Zeit mit, daß das Gouvernement kein Avancement im Corps genehmigen wolle, bevor nicht alle auf half pay gesetzten überzähligen Officiere einrangiert seien; wir befanden uns diesem nach in der nicht angenehmen Erwartung, noch einige Cavallerieofficiere, besonders Capitains, in die Infanterie eingeschoben zu erhalten; doch gab das Gouvernement endlich nach, und es avancirten zwei Lieutenants zu Capitains, unter ihnen mein inniger Freund Wolffradt. Endlich, nach langem Harren, erhielt ich einen Brief von den Meinigen aus Schlesien, der mir eine nicht zu schildernde Freude gewährte. Freilich befanden sie sich noch in sehr beengten Verhältnissen, aber sie waren doch wohl und hatten meine an sie von Wight und Guernsey abgesendeten Briefe und Spenden erhalten. Mein Bruder drückte den sehnlichsten Wunsch aus, mir nachkommen zu dürfen; gern würde ich ihm hierin gewillfahret haben, da sich bei uns genug Aussicht für sein Fortkommen darbot, wenn ich nicht Bedenken getragen hätte, die gute Mutter ganz allein zu lassen.

Mit den Officieren der englischen Truppen und selbst mit den deutschen der hier liegenden Dragonerescadrons der Legion kamen wir, ungeachtet des nahen  p.450 Zusammenlebens, wenig in Berührung. Von den oft stattfindenden Bällen, die, soviel ich vernahm, sehr langweilig sein sollten, hielt ich mich theils aus Mangel an Neigung dazu, theils wegen der Kosten fern. Im Kreise einiger gleichgesinnter Freunde fühlte ich mich zufrieden.

Unser Husarenregiment erhielt auch in dieser Zeit die ersten Pferde; da es aber immer noch ein Jahr dauern durfte, ehe dasselbe marschfertig sein konnte, und bei der fortdauernden Vereinigung mit selbigem auch uns ein so langer Aufenthalt hier bevorstand, so richtete ich mich recht wohnlich ein, kaufte Bücher und Zeichenmaterialien, studirte Mathematik und neuere Sprachen, um meine Zeit nützlich und angenehm hinzubringen. Aber ich hatte mich getäuscht, denn am 8. August erschien plötzlich der Befehl, daß das Infanterieregiment sich zur sofortigen Einschiffung nach Lissabon bereit halten sollte. Eine allgemeine Freude hierüber verbreitete sich unter uns Allen, denn jener so sehnliche Wunsch, in ordentliche Tätigkeit uns wieder versetzt zu sehen, ging endlich, nach langem Hoffen, in Erfüllung. Die Nachricht von der Ankunft der Transportschiffe langte am 2. September an, und den 4. desselben Monats Nachts 12 Uhr brachen wir in zwei Kolonnen getheilt nach Cove Cork auf, welches wir  p.451 um 11 Uhr morgens des folgenden Tages erreichten.

Die Böte warteten bereits auf uns; in einer halben Stunde war das Regiment auf vier Schiffen, Wolga, Francis and Eliza, Ellert und Voyager ziemlich bequem embarquirt. Wir hatten darauf gerechnet, die embarcation-allowances und einen zweimonatlichen Gehalt, wie es gebräuchlich ist, vor der Einschiffung zu empfangen, um von einem Theile dieser Summe einen Stock zum Einkaufe von Lebensmitteln zu bilden. Der Zahlmeister Frotté war deshalb kurz vor unserm Abmarsch aus Fermoy nach Cork zur Empfangnahme dieses Geldes gegangen, hatte aber, um solches zu erhalten, die dazu nöthigen Vorschritte zu tun versäumt. Mit einer wahren Sehnsucht harrten wir seiner, als das Regiment in Cove Cork angekommen war, er ließ indes sich aber nicht sehen und erst in dem Augenblick der Abfahrt kehrte er mit der tröstlichen Nachricht zurück, daß wir in Lissabon das Geld noch empfangen würden. Wir konnten daher nur einen äußerst dürftigen Stock anlegen.

Document details

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Title statement

Title (uniform): Friedrich Ludwig von Wachholtz in Cork

Author: Friedrich Ludwig von Wachholtz

Editor: Carl Friedrich [=Friedrich Karl] von Vechelde

Responsibility statement

Electronic edition compiled and proof corrections by: Beatrix Färber

Funded by: The School of History, University College, Cork

Edition statement

1. First draft, revised and corrected.

Extent: 4065 words

Publication statement

Publisher: CELT: Corpus of Electronic Texts: a project of University College, Cork

Address: College Road, Cork, Ireland—http://www.ucc.ie/celt

Date: 2016

Distributor: CELT online at University College, Cork, Ireland.

CELT document ID: D810001-001

Availability: The text is in the public domain.

Notes statement

Friedrich Ludwig von Wachholtz (1783–1841) came from a noble Pomeranian family. He first joined the Prussian army in 1798. Since 1809 he served in the Infantry of the Brunswicker Ducal Corps (Black Brunswickers), namely in the Brunswick Oels Hussar Regiment (Braunschweigisches Infanterie-Regiment Nr. 92) of Frederick William, Duke of Brunswick-Oels. Von Wachholtz is best known for the journal he left. It was first published in 1843, and reprinted, in abbreviated form, in 1912. (The German text of the 1912 edition is available on the Projekt Gutenberg-DE website hosted by der Spiegel.) He passed two months in Ireland before his regiment was shipped to Lisbon, and participated in various battles against the Napoleonic Troops across the Iberian Peninsula.
Friedrich Ludwig von Wachholtz (1783–1841) entstammte einer in Pommern ansässigen adligen Familie. Auch sein Vater war preußischer Offizier. Der Sohn trat 1798 in die preußische Armee ein, und diente seit 1809 im Braunschweigischen Infanterie-Regiment Nr. 92 des neu aufgestellten Schwarzen Corps von Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels. Von Wachholtz erlangte weitere Bekanntheit durch seine Aufzeichnungen, die 1843 als Buch erschienen, und 1912 in gekürzter Form nachgedruckt worden. (Der Text des Nachdrucks ist im Projekt Gutenberg-DE verfügbar, das vom SPIEGEL unterhalten wird.) Von Wachholtz verbrachte zwei friedliche Monate in Irland, bevor sein Regiment sich nach Lissabon einschiffte, wo es an verschiedenen Schlachten gegen die Napoleonischen Truppen auf der Iberischen Halbinsel teilnahm.

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Excerpt

  • Eoin Bourke, Poor Green Erin (Frankfurt am Main 2011) [Excerpt in English translation 84–85].

Travel accounts and secondary literature

  1. Caspar Voght, Schilderung von Irland, Bruchstücke aus dem Tagebuche eines Reisenden. Im Herbst 1794, in: August Hennings, Der Genius der Zeit, Bd. 8, (Mai bis August 1796) 566–653. [Available online at CELT.]
  2. Sir Richard Colt Hoare, Journal of a Tour in Ireland, AD 1806 (Dublin and London 1807). (Available online in various locations in the Internet.)
  3. Johann Friedrich Hering, Erinnerungen eines Legionärs, oder Nachrichten von den Zügen der Deutschen Legion des Königs (von England) in England, Irland, Dänemark, der Pyrenäischen Halbinsel, Malta, Cicilien und Italien in Auszügen aus dem vollständigen Tagebuche eines Gefährten derselben (Hannover, Helwing'sche Hof-Buchhandlung 1826.) Translated into English as 'Journal of an Officer in the King's German Legion: Comprising an Account of his Campaigns and Adventures in England, Ireland, Denmark, Portugal, Spain, Malta, Sicily, and Italy' (London 1827. Reprint Cambridge 2000).
  4. H. von Franckenberg-Ludwigsdorff, Erinnerungen an das Schwarze Corps, welches Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels im Jahre 1809 errichtete. Aus dem Tagebuche eines Veteranen (Braunschweig 1859).
  5. Heinrich Dehnel, Rückblicke auf meine Militair-Laufbahn in den Jahren 1805 bis 1849 (...) (Hannover 1859). [Excerpts in English translation in Bourke, Poor Green Erin, 86–89].
  6. Otto von Pivka, The Black Brunswickers. Osprey Men-at-Arms (Oxford 1973).
  7. Fred Mentzel, Der Vertrag Herzog Friedrich Wilhelms von Braunschweig mit der britischen Regierung über die Verwendung des Schwarzen Korps (1809), in: Braunschweigisches Jahrbuch, Band 55 (Braunschweig 1974) S. 230–239.
  8. Sir Charles Oman, Wellington's Army 1809–1814 (London 1993).
  9. C. J. Woods, Travellers' accounts as source material for Irish historians (Dublin 2009).
  10. Ruthard von Frankenberg: Im Schwarzen Korps bis Waterloo. Memoiren des Majors Erdmann von Frankenberg (Hamburg 2015).

The edition used in the digital edition

Wachholtz, Friedrich Ludwig von (1843). Aus dem Tagebuche des Generals Fr. L. von Wachholtz. Zur Geschichte der früheren Zustände der preußischen Armee und besonders des Feldzugs des Herzogs Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels im Jahre 1809‍. Ed. by Carl Friedrich [=Friedrich Karl] von Vechelde. 1st ed. Braunschweig [=Brunswick]: Friedrich Vieweg und Sohn, p. 536.

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Project description: CELT: Corpus of Electronic Texts

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Creation: By Friedrich Ludwig von Wachholtz

Date: 1810

Language usage

  • The text is in German. (de)
  • Some words and phrases are in English. (en)

Keywords: journal; prose; military; County Cork; Fermoy; military barracks; Duke of Brunswick-Oels Hussars; Georg Ludwig Korfes; infantry; Ireland; England; 19c

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